Irrationaler aber realer Wirtschaftskreislauf

Der Markt erklärt mit dem Beispiel von Kosmetik- und insbesondere Cellulite Produkten

Wenn wir den Markt und das Kaufverhalten analysieren wollen, nutzen wir meistens rational aufgebaute und funktionierende Modelle . Im Bereich der großen Zahlen funktioniert das auch am besten, weil sich hier die Daten irgendwann wieder ausgleichen. Die Schwingungen, die durch emotionale und individuelle Entscheidungen entstehen, werden so durch andere Entscheidungen anderer Menschen wieder „gerade“ gebogen. Das funktioniert aber nur bei großen Zahlen und massenweise Käufern.

Schaut man sich das Praxismodell an, wird es sehr viel komplizierter. Hier geht es nicht mehr nur nach dem Prinzip, eine Lösung für ein Problem zu finden. Sondern vielmehr darum, den meisten Nutzen, in diesem Falle wirtschaftlich, aus einer Person zu ziehen. Um das zu verdeutlichen, möchte ich Beispiele aus der Kosmetik- und Pharmaindustrie benutzen. Ich finde, dass diese Bereiche sich sehr gut dafür eignen, um Kaufentscheidungen und wirtschaftliche Langzeitergebnisse bestens darzustellen.

In der Theorie wird der Preis durch Nachfrage und Angebot ermittelt. Er stellt sich irgendwann automatisch ein. In der Praxis kommen aber zahlreiche weitere Faktoren hinzu. In der Kosmetikbranche wird nicht versucht, ein optimales und schnelles Ergebnis für ein Problem zu erzielen, sondern die Nachfrage aufrecht zu erhalten. Die Nachfrage kann aber nur dann aufrecht erhalten bleiben, wenn das Problem nicht gelöst wird. Mit zwischenmenschlichen Interaktionen wird der zu behandelnden Person vermittelt, dass bereits Ergebnisse vorliegen. In Wirklichkeit geht die Industrie hier aber einem im Vorfeld geplanten Ablauf nach. Wie bereits erwähnt, um den maximalen wirtschaftlichen Erfolg aus einer Person ziehen zu können.

Viel extremer ist das wohl auch noch in der Pharma- und Arzneiindustrie. Da man hier aber einigen Leuten auf die Füße treten könnte, möchte ich mit den Beispielen lieber in der Kosmetik- und Schönheitsindustrie bleiben. Das sind ja auch die Bereiche, die extrem durch mediale Beeinflussung und Berichterstattungen profitieren. Seit wann haben Frauen beispielsweise Cellulite? Wahrscheinlich seit der Mensch in dieser Form existiert. Wohl also einige Zehntausend Jahre. Wann ist Cellulite zu einem ernstzunehmenden Problem geworden? Wahrscheinlich erst vor 30, maximal 40 Jahren. Und da kann man „ernstnehmen“ wohl wieder ausklammern, denn ein ernstes Problem stellt Cellulite bis heute nicht dar.

Das Schönheitsbild , das durch Medien, Trends, Modelabels und andere Industrien geschaffen wurde, ist eine Frau, die straffe und glatte Haut hat und keinerlei „Orangenhaut“ besitzt. Die Kosmetikbranche nimmt sich das zunutze und versucht Lösungen gegen dieses neu erfundene Problem zu finden. Dabei ist die einfachste Lösung auch die Einfachste! Mit Sport und speziellen Anti Cellulite Übungen kann man Muskelgruppen trainieren, um das darüber liegende Bindegewebe zu straffen und somit Cellulite zu entfernen. Das ist also die denkbar einfachste Lösung und zugleich die am schnellsten Funktionierende. Wahrscheinlich ist das sogar die einzige funktionierende Methode, um Cellulite dauerhaft loszuwerden!

Jetzt stellen Sie sich doch einmal vor, Sie sind im Kosmetik Geschäftsbereich tätig und wollen eine Lösung gegen Cellulite anbieten. Würden Sie da den Kunden, die ihre Cellulite loswerden wollen, etwa empfehlen, kostenlos Sport zu treiben und ein paar Übungen auszuführen? Niemals! Diese Frauen sind bereit, hunderte Euros auszugeben, um ein Problem loszuwerden, das eigentlich gar nicht existiert. Das Geld liegt Ihnen also schon auf dem Tisch, Sie müssen nur noch ein Angebot finden, das den Preis einigermaßen rechtfertigt.

Eins sollte man sich schon einmal merken:

Menschen greifen lieber zu „Wundermitteln“, als es ernsthaft mit Sport zu versuchen. Sport wird also niemals Ihr Business-Konkurrent werden!

Sie haben also jetzt freie Wahl und können den Markt so kreieren, wie es Ihnen lieb und recht ist. Warum also nicht einfach eine Anti Cellulite Creme „erfinden“ und für 19, ach Quatsch, für 29 Euro pro Tube verkaufen? Dass sie nicht wirksam ist, ist eigentlich egal. Denn was kann man machen, wenn etwas nicht funktioniert? Richtig, eine Alternative anbieten. Und wenn eine Creme für 29 Euro nicht funktioniert, bietet man eben eine Anti Cellulite Massage für 59 Euro pro Sitzung an. Empfohlen werden dann 4 Sitzungen und die Cellulite wird kaum mehr sichtbar sein. So kann man es jedenfalls anpreisen.

Jetzt haben wir aus einem nicht existierenden Problem mal eben überschlagende 270 Euro Umsatz pro Kunden gemacht. Schauen wir uns diesen Cellulite Markt in der Kosmetikbranche mal genauer an, werden wir schnell feststellen, dass es nicht nur bei diesen beiden Methoden bleibt. Zusätzlich gibt es dann noch Laserbehandlungen, Ultraschallbehandlungen und irgendwelche „Icherfindemeinennamenneu“ Methoden. Und solange die Kosmetikbranche in einem Topf rührt und dem Kunden keine richtig funktionierende Möglichkeit gegeben wird, um Cellulite loszuwerden, werden diese Kunden immer weiter und weiter Geld ausgeben.

Was hat das also eigentlich noch mit dem theoretischen Angebot und Nachfrage Modell zu tun? Gar nichts mehr. Und so funktioniert wohl die ganze Welt. Alles und jeder ist nur darauf hinaus, den maximalen wirtschaftlichen Nutzen zu ziehen. Und das geht am besten dann, wenn man einfach gar keine Lösung für ein Problem bietet, sondern nur Pseudolösungen, die zur nächsten Behandlungsmethode führen sollen.

Diese Spirale wird immer so weitergehen, zumindest solange, wie der Kapitalismus herrscht. Da sich der Kapitalismus jedoch in allen Generationen letztendlich immer wieder durchgeschlagen hat, sehe ich auch für die Zukunft kein anderes Modell der Wirtschaft.

Alle Wirtschaftsanalytiker , die für praxisrelevante politische Entscheidungen theoretische Modelle nutzen, werden immer wieder den Fehler machen, nie die Eigenschaften des Kapitalismus mit in die Modelle zu bringen. Angebot und Nachfrage bedeutet, Lösung für ein Problem. Die Realität sieht aber ganz anders aus, wie wir gerade feststellen konnten.